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Kritik DIVAS




Premiere im Metropoldi Wien am 15.02.2024

Les Grandes Dames de la Chanson mit Janine Hickl, Maria Boneva & Bernd Leichtfried 

 

Divas – eine Entführung in die Welt der Illusionen


Das Metropol, ein Wiener Kunsttempel für Begeisterte, die sich trauen auch einmal was Neues auszuprobieren. Im verträumten Hinterhof schmiegt sich das holzvertäfelte Nebengebäude an und beherbergt die kleine Bühne, die das Flair eines Pariser Varietés ausstrahlt. Und genau dorthin lud Janine Hickl ein, zu einem Abend mit Chansons. Begleitet wurde sie virtuos von Bernd Leichtfried am Klavier und Maria Boneva auf der Violine, beide jedoch dezent im Hintergrund, aber unverzichtbar für den Gesamteindruck und die besondere Stimmung. Die harmonische Begleitung der Violine war die perfekte Untermalung der emotionalen Chansons und Bernd Leichtfried holte mitreißendste Klänge aus dem Klavier, während er den Spannungsbogen stets hoch hielt.


Die Bühne war minimalistisch schwarz, nichts konnte die Aufmerksamkeit oder die Konzentration des Publikums ablenken. Ein altes Mikrofon aus den 30er Jahren und eine alte Illustrierte aus derselben Zeit, waren die einzigen Requisiten und auch die lenkten nicht ab, sondern waren abwechslungsreiche, beiläufige Accessoires. Denn im absoluten Mittelpunkt waren die grandiose Marlene, Hildegard, Zarah oder doch Janine Hickl? Ich war mir nie sicher, wer jetzt gerade auf der Bühne stand.


Begrüßt wurden wir von einem zarten, sympathischen Mädchen im Trenchcoat, das irgendwo in einem Pariser Varieté arbeitet und davon träumt selbst einmal auf der Bühne zu stehen und zu singen, wie ihre berühmten und verehrten Vorbilder und Stars. Die Sehnsucht, die sie ausstrahlte, war spürbar, ihre Hoffnung war verzweifelt und doch hoffnungsfroh, sie strahlte Sympathie aus und gewann die Herzen des Publikums. Ich drückte ihr heimlich die Daumen und wünschte ihr Glück und Erfolg, um ihren Traum einmal zu realisieren. 

Ja und dann war es so weit, es war Divenzeit. Alle traten sie auf und gaben sich durch ihre weltbekannten Lieder, Chansons oder Schlager zuerkennen. Marlene, Hildegard, Zarah, Edith, Caterina, um nur einige der Diven zu nennen. Ich war ständig versucht mitzusingen, denn die Lieder kannte ich vom Radio und hatte sie gefühlt schon tausendmal gehört. Aber das war auch mein Problem, denn ich hörte immer ein Duett, zwei Stimmen. Die Stimme aus meiner Erinnerung und die Stimme von Janine Hickl hier auf der Bühne. Die rauchig raue Tonlage von Hildegard Knef einerseits aber auch die viel weichere Stimme von Janine Hickl, die klar und erfrischend wir ein smaragdgrüner Bergsee klang. Stimmlich richtig wild und kehlig ist Janine Hickl dann geworden, als sie in einem fetzigen Arrangement Schokolade vehement verweigerte und stattdessen einen Mann verlangte, ganz so wie Trude Herr. 


Janine Hickl erzählte unentwegt Geschichten über das Gefühlsleben der Diven oder der Conférencieuse und wenn das Publikum einmal nicht an ihren roten Lippen hing, gaben ihre Augen den essenziellen emotionalen Hinweis, um zu verstehen, worum es im Gesungenen oder Gesprochenen ging. Janines Hickl Gestik und Mimik gingen weit darüber hinaus, was man sonst von einer Chansoninterpretin gewohnt ist oder erwartet. Ihr gelang das Kunststück, die dargestellten Frauen hier auf der Bühne im Metropol zum Leben zu erwecken, fast greifbar zu machen. Eine perfekte Illusion, in die man taumelnd eintauchen und sich verlieren konnte.

Erstmals habe ich auch begriffen, worüber in den meisten der Chansons und Lieder damals gesungen wurde, ich habe den durchgehenden roten Faden entdeckt. Es war, wie kann es anders sein, die Liebe und die nicht immer einfachen Beziehungen von Frauen und Männern und das nicht nur in Paris. Da waren einerseits die männerverschlingenden Vamps, die viel mehr als einen brauchten und schon damals bereits angedeutet haben, dass sich die Rolle Frau verändern und ihre Unabhängigkeit in den Vordergrund gerückt wird. Andererseits die sehnsüchtig am Kai wartende Frau, die auf den Einen hofft, auf dass er endlich mit dem Schiff aus der fernen Welt kommt, um Kinder zu zeugen, um dann in der Folge mit den Kindern am Hafen zu warten. 


Neben der minimalistischen Bühnendekoration kam die Künstlerin auch mit zwei Kleidungsvarianten aus und sie benutzte die Pause dafür als Zäsur für den Wechsel. Zuerst trat sie auf mit einem eleganten, beigegehaltenen bodenlangen Kleid. Die Füße waren in zierlichen, von schmalen Bändern gehaltenen, passenden goldenen Schuhen. Bei manchen Chansons umhüllte sie noch zusätzlich ein schwarzes Kunstpelzgilet. Das Outfit passte perfekt zur Atmosphäre der Pariser Varietés und der französischen Chansonsängerinnen, wie der unvergessenen Piaf. Janine Hickl sprach und sang Französisch, als wäre es ihre Muttersprache und verinnerlichte das Französische so glaubhaft und intensiv, dass sie dem applaudierenden Publikum ein leises Merci beaucoup flüsterte, als wäre sie die Piaf. 


Nach der Pause zeigte sie sich in einem ärmellosen, engen schwarzen Hosenanzug begleitet von einem leicht durchsichtigen golddurchwebten Schultercape, das sich in zwei Flügel verwandelte, wenn Janine die Arme hob, um hoffnungsvoll die Liebe zu besingen.

Die Conférencieuse moderierte zwischen den Chansons, stellte die Diven vor, berichtete über ihr Leben, „las“ Erzählenswertes aus der Zeitung und vermittelte so die menschliche, die weibliche, die künstlerische Wesensart der dargestellten Sängerinnen. Zum Abschluss berichtete sie über die Härten des Lebens als Künstlerin, die Hoffnung, die Tränen und Enttäuschungen, aber auch die absoluten Glücksgefühle bei Auftritten. Und wieder wusste ich nicht, ob Janine Hickl über sich oder die Diven spricht. In mir entsteht der Verdacht, dass es vielleicht gar keinen Unterschied gibt und Janine Hickl und diese Diven ein und dasselbe sind.

P.S. Zwei Monate harter Arbeit für einen einzigen zweistündigen Auftritt von drei grandiosen KünstlerInnen. Das ist wahre Liebe zur Kunst. Und für jeden, der die Chance hatte dabei zu sein, ein unvergessliches künstlerisches Juwel, ein Unikat. Dankeschön!


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